
Warum Farbkontrast im digitalen Design entscheidend ist

Farbkontrast ist kein nebensächliches Designdetail. Er ist eine grundlegende Voraussetzung für digitale Barrierefreiheit. Dennoch wird er in vielen Organisationen besonders in Bereichen wie Marketing-Visuals oder Social-Media-Inhalten immer noch als nachträglicher Gedanke behandelt. In diesem Interview teilt unsere Grafikdesigner Jakob Petersen praxisnahe Einblicke, warum Kontrast entscheidend ist, welche Gestaltungsmuster häufig Probleme verursachen und wie Unternehmen starke visuelle Markenführung mit barrierefreien Designprinzipien verbinden können.
Warum ist Farbkontrast für Barrierefreiheit so wichtig und was passiert, wenn er schlecht umgesetzt ist?
Farbkontrast ist entscheidend, weil Menschen Inhalte nur dann nutzen können, wenn sie Texte und wichtige Elemente klar erkennen. Wenn das nicht möglich ist, können sie ein Produkt nicht richtig bedienen oder wichtige Informationen nicht erfassen. Für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen, Farbenblindheit oder auch für Personen, die eine Brille tragen, macht schlechter Kontrast einfache Aufgaben unnötig kompliziert.
In der Praxis führt das zu übersehenen Informationen, Fehlern und dazu, dass Nutzer abspringen. Wenn etwas schwer lesbar ist, bleibt kaum jemand lange genug, um es sich mühsam zu erschließen.
Wie viele Unternehmen denken bei ihren Visuals tatsächlich an Farbkontrast?
Nicht besonders viele, oder zumindest nicht konsequent. Obwohl Farbkontrast in vielen Ländern gesetzlich geregelt ist, wird er oft nur im Produkt-UI berücksichtigt. Marketingmaterialien oder Social-Media-Grafiken bleiben häufig außen vor. Manche prüfen Kontrast erst dann, wenn ein Problem gemeldet wird. Es gibt positive Beispiele, aber insgesamt ist es noch kein Standard.
Welche praktischen Folgen hat es aus deiner Sicht, wenn Kontrastanforderungen nicht erfüllt werden?
Aus Marketingsicht verlieren Unternehmen vor allem Aufmerksamkeit. Wenn Inhalte schwer lesbar sind oder die Interaktion frustriert, steigen Nutzer aus. Langfristig schadet das dem Vertrauen in die Marke.
Hinzu kommen mögliche Beschwerden oder rechtliche Risiken, je nach Region. Wirtschaftlich betrachtet sind spätere Korrekturen meist teurer, zeitaufwendiger und führen oft zu hektischen Designanpassungen.
Welche typischen Farbkombinationen oder Gestaltungsmuster verursachen besonders häufig Probleme?
Grauer Text auf weißem Hintergrund ist weit verbreitet und einer der größten Fehler. Ebenso problematisch ist weißer Text auf Pastelltönen. Dünne Schriftarten, sehr kleine Schriftgrößen sowie Text über Bildern oder Farbverläufen beeinträchtigen die Lesbarkeit massiv.
Ein weiterer häufiger Fehler ist, sich ausschließlich auf Farbe zu verlassen. Hinweise wie „Klicken Sie auf den grünen Button“ funktionieren nicht, wenn jemand Farben nicht unterscheiden kann.
Wie gehst du persönlich vor, um visuell ansprechende und zugleich barrierefreie Designs zu entwickeln?
Ich plane Barrierefreiheit von Anfang an mit ein. Das spart Zeit und verbessert das Ergebnis. Ich halte mich an Best Practices für barrierefreies Design – sowohl im klassischen Grafikdesign als auch im Webdesign. Barrierefreiheit betrifft nicht nur Kontrast, sondern auch Schriftwahl, Schriftgröße, Textlänge und Layoutregeln.
Im Webbereich kommen zusätzlich nicht-visuelle Anforderungen hinzu, um Konformität sicherzustellen. Diese Vorgaben sorgen meist für mehr Klarheit und eine sauberere visuelle Hierarchie.
Welche Tools oder Methoden nutzt du zur Prüfung des Farbkontrasts?
Ich arbeite mit Kontrast-Checkern, die WCAG-Verhältnisse anzeigen. Dazu gibt es Browser-Tools oder Desktop-Software. Viele Designprogramme bieten integrierte Funktionen oder Plugins zur Barrierefreiheitsprüfung.
Zusätzlich mache ich manuelle Checks: Ich zoome stark hinein, betrachte Designs in Graustufen oder teste sie auf unterschiedlichen Displays. Automatisierte Tools sind hilfreich, aber der menschliche Blick entdeckt oft Details, die Maschinen übersehen.
Welchen Rat würdest du Design- oder Marketingteams geben, die ihre Barrierefreiheit verbessern wollen, aber nicht wissen, wo sie anfangen sollen?
Nicht alles gleichzeitig angehen. Mit den Grundlagen starten: Fließtext, Überschriften, Buttons und Links. Die Mindestanforderungen an Kontrast verstehen, bestehende Materialien prüfen und Accessibility-Checks fest in den Workflow integrieren. Kleine Anpassungen summieren sich schnell und besserer Kontrast verbessert fast immer die Gesamtqualität des Designs.
Ressourcen
Colour Contrast Analyser (CCA)
Kostenloser Farbkontrast-Checker für Mac und Windows
WCAG 2.1
WCAG 2.1 enthält umfassende Empfehlungen zur barrierefreien Gestaltung von Webinhalten. Die Umsetzung dieser Richtlinien macht Inhalte für einen größeren Personenkreis zugänglich.
WCAG verstehen
Einführung in die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) – inklusive WCAG 2.0, 2.1 und 2.2 – sowie Hinweise zur praktischen Anwendung.
Web Accessibility Initiative
Die Web Accessibility Initiative (WAI) des W3C entwickelt Standards und Materialien, um Organisationen bei der Umsetzung von Barrierefreiheit zu unterstützen.
WebAIM (Web Accessibility in Mind)
WebAIM bietet Fachartikel, Tools und Community-Ressourcen rund um digitale Barrierefreiheit.

